Professor Dr. Johann Georg Goldammer erklärt, warum es auf der Welt nicht genug Initiativen wie „Trees for Greece“ geben kann

 

Ist Umwelt- und Ressourcenschutz nicht eine staatliche Aufgabe?

Es ist hochgradig gefährlich, wenn die Zivilbevölkerung, einschließlich der unabhängigen Wissenschaft und der Nichtregierungsorganisationen, sich zurücklehnt. In allen Ländern liegt es grundsätzlich wohl in der Verantwortung der Regierungen, dass Ressourcen und Umwelt nach besten Methoden und vor allem nachhaltig gesichert werden. Aber die Realität hat uns erst wieder in diesem Jahr bei den Wahlen zum Bundestag gezeigt, dass die Politik – in Deutschland umfasste die Ignoranz sämtliche politische Partein – ein ganz zentrales Thema vollkommen ausklammert: Das Leben im „Normalzustand“, wie wir es in den reichen westlichen Ländern noch kennen, wird es in 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben. Die am Horizont sichtbare Krise, hervorgerufen durch den Klimawandel und die damit verbundene tiefgreifende soziale, ökonomische und politische Destabilisierung, ist nur überwindbar, wenn in der Zivilgesellschaft selbst innere ethische Reformen das Geschehen bestimmen. Private Initiativen zur Renaturierung wie „Trees for Greece“ sind ganz essentiell – aber sie dürfen nicht alleine stehen. Sie müssen von der Politik und all denen, die Verantwortung für die weltweite Bewirtschaftung des Bodens haben, unterstützt werden.

 

Warum sollte eine deutsche Initiative in Griechenland Bäume pflanzen?

Es ist vor allem wichtig, dass die Gesellschaften, die momentan noch in relativem Wohlstand und in einer scheinbar intakten Umwelt leben, ihre Mitverantwortung begreifen. Denn das Problem der Veränderung des Lebens auf der Erde wird in Kürze nicht mehr nur über den Fernsehschirm und das Internet aus den "armen" Ländern der Welt in unsere klimatisierten Stuben übertragen werden, sondern auch in unseren Breiten das Leben vollständig verändern. Der Begriff "Globalisierung" wird derzeit als ein kulturelles Phänomen betrachtet, weniger als ein ökologisches. Der Begriff "Globalisierung" betrifft auch die kollektiven Auswirkungen der von der Zivilisation bewirkten Umweltveränderungen, die sich kumulativ auf die globale Atmosphäre und auf das System Erde auswirken. Allerdings: Dies gilt auch im positiven Sinne, wenn wir zum Beispiel durch zivile Initiativen einen aktiven Beitrag zum Schutz von Wald und anderer Vegetation schaffen.

 

Welches Szenario sehen Sie konkret in zwei bis drei Jahrzehnten vor unserer eigenen Haustür?

Industrialisierung und zunehmende Bevölkerung üben immer mehr Druck auf die Umwelt aus. Die Tragfähigkeit unserer Ökosysteme ist längst am Limit. Als nächstes werden wir auch in Deutschland zunehmend schwere Naturkatastrophen erleben – was ja durch Hochwässer und Stürme bereits spürbar ist. Gleichzeitig wird sich unser Lebensraum dramatisch verkleinern, weil "ökologische Flüchtlinge" aus den Ländern zu uns kommen, die nicht mehr bewohnbar sein werden. Wenn wir das Selbstverständnis von Demokratie und Menschenrechten weiterhin als Primat unseres Handelns verstehen wollen, dann müssen wir akzeptieren, dass beispielsweise in Europa innerhalb der kommenden Generation – etwa innerhalb der kommenden 30 Jahre – vielleicht ein bis zwei Milliarden Menschen untergebracht werden müssen, die aus den unbewohnbaren Regionen der Welt ein ökologisches und humanitäres Asyl bei uns suchen werden. Wenn wir nicht jetzt schon das ressourcenschädigende Alltagsverhalten, das wir als Ausdruck „demokratiebasierter Freiheit“ verstehen, ändern, werden uns die Umstände bald mehr Einschränkungen auferlegen, als wir uns vorstellen können.

 

Macht es bei diesen Aussichten überhaupt noch Sinn, wenn Einzelne sich engagieren?

Wir haben an den vielen gescheiterten Klimakonferenzen gesehen, dass die Politik bislang nichts bewegen konnte. Nur die Zivilgesellschaft kann aus der Entwicklung noch Tempo herausnehmen und ihr vielleicht sogar im Sinne des wetterändernden Schmetterlingsflügels eine andere Richtung geben. Die Initiative „Trees for Greece“ auf der Insel Amorgos reiht sich ein in eine Menge bereits bestehender ähnlicher Aktionen. Aber diese globale Herausforderung hat Myriaden von Facetten. Jeder muss und kann für sich selbst eine dieser Facetten besetzen. Amorgos ist überall.

Interview vom 05.10.2013 mit Professor Dr. Johann Georg Goldammer, Leiter des Zentrums für Globale Feuerüberwachung (Global Fire Monitoring Center) und der Arbeitsgruppe Feuerökologie am Max-Planck-Institut für Chemie in Freiburg.

 

 




 

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